Der größte Ü-Ei-Laden Deutschlands steht in Spandau

Thomas Siebrecht ist der Herr der Ü-Ei-Figuren

Für viele Menschen bestehen die Kinder-Überraschungseier aus Schokolade und einem billigen Spielzeug in einem Plastikei im Inneren. Dieses wird, nachdem das Interesse daran nachlässt, schnell auch wieder entsorgt. Dieses kleine Spielzeug hingegen ist für Thomas Siebrecht Handelsware – und auch ein bisschen Lebensinhalt.

Thomas Siebrecht

Thomas Siebrecht zwischen seinen Ü-Eiern.

Er unterhält in der Jüdenstraße in der Spandauer Altstadt den einzigen Ü-Ei-Laden Berlins und den größten in Deutschland – den Ü-Ei-Punkt Berlin.

Millionen Einzelteile finden in dem kleinen Laden mit dem großen Lager Platz. In kleinen Tüten lagern Schildkröten neben Igeln oder allem was eben mal in einem Ü-Ei zu finden war. „Als wir 1990 hier eingezogen sind, war es wie ein Sechser im Lotto in der Altstadt ein Geschäft zu bekommen“, erzählt Siebrecht. Die Miete betrug damals 4000 DM. Heute ist der kleine Laden in der Jüdenstraße weit ab vom Schuss. Auch deshalb ist Siebrecht seit fünf Jahren mit einem Computerprofi am Werk. Über den Online-Shop werden die Ü-Ei-Figuren nun auch international verkauft.

Die Sammler sterben weg

Aber die Sammler sterben aus. Schon heute sind sie zwischen 40 und 80 Jahren alt. Häufig wird Siebrecht zu

Ue-Ei-Fassade-Spandau

1990 war er froh in der Altstadt einen Laden zu bekommen, heute ist wenig los.

Wohnungsauflösungen gerufen um die Sammlungen abzukaufen. „Ich war schon in Wohnungen, da war kein Platz mehr für Besuch“, erzählt der 50-Jährige. Aber heute sammle ja niemand mehr Irgend etwas. „Das sind doch schon alles kleine Elektrikerkinder. Die sammeln höchstens I-Phones“, meint er halb im Scherz. Heute hätten die Kinder keine Ruhe mehr für Sammlungen.

Dabei sind die älteren Figuren heute bares Geld wert. „Der große Boom kam 1989“, erklärt der Ü-Ei-Fachmann. „Drüben haben die damals alle angefangen zu sammeln. Ältere Sachen kosten deshalb schnell mal über 1000 Euro. Das neue Zeug ist Massenware.“ Er zeigt mir einen Satz mit 10 Pumuckelfiguren. Kürzlich machte er einen Tausch mit einem Geschäftsmann der jahrelang alle Pumuckelsätze in Deutschland aufgekauft hatte. „Heute sammelt er Bonbonfiguren“, sagt Siebrecht abfällig und meint damit die „normalen Figuren“. Er nahm 30.000 Teile aus dem Ü-Ei-Punkt mit und bezahlte mit einem Kultsatz Pumuckelfiguren.

Richtig scharf wäre Siebrecht auf einen kompletten Verkaufssatz, ein Display mit 72 Figuren. „Das gäbe schon mal 10.000 Euro“, meint er ein wenig träumerisch. „Aber das ist wirklich sehr selten.“ Eine Lieblingsfigur hat er jedoch nicht. „Alle meine Lieblingsstücke verkaufe ich – bin ja Händler“, erklärt er. „Wenn du einem Sammler seine Lieblingsfigur kaputt machst –  der stirbt“, wird nachgeschoben. Die Zerrissenheit zwischen Sammlertum und Händlereigenschaften will er wohl nicht erst aufkommen lassen. Das Telefon klingelt. „Ü-Eier kaufen wir nicht“, wehrt Siebrecht ab. Auf den ersten Blick ist er gern ein bisschen bärbeißig, es sind schließlich Ü-Ei-Figuren. „Wie alt ist das denn? Nein Älter ist keine Angabe – von wann? Vor 88 ist interessant.“ Die Anruferin könne ja mal ihre Figuren vorbei bringen, versprechen könne er jedoch nichts, schließt er das Gespräch. So geht es ihm den ganzen Tag. „Manchmal sag ich einfach: tun sie sich einen Gefallen und werfen alles in die gelbe Tonne.“

900 Euro für einen Beipackzettel

Das verrückteste: sogar die kleinen Beipackzettel sind wertvoll. Da sie früher niemand aufhob, werden sie heute ab 200 Euro

Ue-Ei-Pumuckel-Spandau

Die Pumuckelsätze sind selten und dem entsprechend teuer. Fotos (3): Kirsten Stamer

gehandelt. Ein Kunde von ihm, ein reicher Geschäftsmann, hat kürzlich bei einem Freund 35 dieser Zettel erworben – für 900 Euro das Stück! Und bar bezahlt. So etwas gibt es auch noch. Insgesamt geht das Geschäft mit der Sammelleidenschaft jedoch zurück. Die alten Sammler sterben oder können es  sich nicht mehr leisten. „Ich hab manchmal das Gefühl jeder dritte Berliner lebt von Hartz IV“, sagt Siebrecht. Einer seiner Kunden starb kürzlich den perfekten Ü-Ei-Tod: auf einer Ü-Ei-Messe. „Er ist einfach tot umgekippt.“ Danach haben die Erben natürlich die Sammlung an ihn verkauft.

Während unseres Gesprächs geht ein älterer Mann in den Laden und verschwindet ohne einen Gruß im Hinterzimmer. Er kommt auch nicht wieder zurück. Irgendwann frage ich irritiert nach. „Da hinten sind die Erwachsenenfilme“, klärt mich Siebrecht auf. Noch ist der Ü-Ei-Punkt auch Videothek, aber mit dem Internet wird dies bald der Vergangenheit angehören. „Als wir aufgemacht haben, haben sie uns wegen den Videos den Laden eingerannt, heute macht es noch etwa 20 Prozent des Umsatzes aus.“ Siebrecht, ehemaliger Berliner Meister im Bodybuilding, machte sich schon mit 19 selbstständig und ist kürzlich 50 geworden. Einen Plan B hat er nicht und über die zu erwartende Rente macht er sich auch keine Illusionen. Es muss also weitergehen. Das Geld kommt nun vor allem von reichen Russen oder europäischen Geschäftsleuten. Immer mehr läuft über das Internet. So musste sich der eingefleischte Internethasser Siebrecht auch damit auseinander setzen. Aber es gibt auch schöne Tage, zu Weihnachten in etwa hat er zwei Sätze der Olympiade der Schlümpfe verkauft – zu 1500 Euro je Satz.

Kirsten Stamer


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