Die spinnen, die Spandauer

Auf der Zitadelle in der Wollwerkstatt stimmt es

Größer ist der Kontrast kaum vorstellbar. Die Fassade von Haus IV auf der Zitadelle Spandau scheint seit dem letzten Krieg unverändert zu sein. Abweisend und trist erscheint sie. Nicht wirklich einladend. Doch hier verbirgt sich manch kleines Wunder. Den mittleren der drei Eingänge nehme ich, um in das Erdgeschoss zu gelangen.

Wollwerkstatt: Evelyne Höpfner (r.) und Katharina

Ein kleiner Schritt über die Türschwelle und schon befinde ich mich in einer anderen Welt. Spinnräder, Webstühle, Wolle in allen Farben, Stoffe, und Kuscheltiere in scheinbar endloser Vielfalt. Schränke, Regale und Tische biegen sich unter der Last unterschiedlichster Puppen. In einer Zeit moderner Technik scheint dies ein Ort weit in der Vergangenheit zu sein.

Freundlich lächelnd empfängt mich Evelyne Höpfner in der Wollwerkstatt. Seit 1997 ist sie nun schon auf der Zitadelle. „Angefangen hat alles mit einem großen Bauernwebstuhl aus dem Jahr 1878. Bei Renovierungsarbeiten wurde er verstaubt und vergessen auf einem Dachboden entdeckt.“

„Damals hat ihn das ganze Dorf genutzt“, erzählt Evelyne. Nur wenige konnten sich einen solch großen Webstuhl leisten. Auch heute arbeiten wegen seiner Größe nur Erwachsene daran. Das Einrichten eines solchen Gerätes, also das Scheeren und Aufbäumen der Kette, sowie das Einfädeln der Kettfäden in die Schäfte und den Webkamm wird von mehreren Personen in Teamarbeit durchgeführt.“


Ich schaue mich staunend um. Zwei große alte Webstühle, neben vielen kleinen modernen stehen hier im Raum. Kathrin, eine Lehramtsstudentin für die Fächer Mathematik und Musik ist gerade dabei, eine kleines Stofftier zu basteln. Wenn es fertig ist, soll es ein Schlüsselanhänger werden. Begeistert erzählt sie, wie sie in die Wollwerkstatt kam. „Bei einem nächtlichen Kunstmarkt auf der Zitadelle bin ich eher zufällig hier gelandet. Erst Stunden später haben mein Freund und ich uns wieder auf den Weg machen können. Nun komme ich regelmäßig hierher.“

Evelyne Höpfner bemüht sich in der Wollwerkstatt nur natürliche Materialien zu verarbeiten. Die Rohwolle zum Spinnen kommt frisch vom Schaf und wird nur mit kaltem Wasser und biologisch abbaubaren Reinigungsmitteln verarbeitet.

Wollwerkstatt auf der Zitadelle Spandau

Hier in der Werkstatt werden traditionelle Handwerkstechniken gepflegt. Nähmaschinen und Bügeleisen sind die einzigen modernen Hilfsmittel. Alles wird nach Möglichkeit in geduldiger Handarbeit gefertigt. Die gelernte Lehrerin für Arbeitslehre und Textilarbeiten versprüht eine Begeisterung die sich auf die Besucher überträgt.

Menschen jeglichen Alters kommen seit vielen Jahren regelmäßig hierher. „Am größten ist der Ansturm vor den Feiertagen. Dann wollen viele ein originelles Geschenk aus Stoff oder Wolle mit den eigenen Händen schaffen.“ Kathrin wirft ein: „ich beginne meine Weihnachtsgeschenke schon ab Ostern zu basteln und umgekehrt.“

Wer mag, kann hier ganz zwanglos und ohne jegliche Anmeldung in der offenen Werkstatt vorbeischauen. Unter kompetenter Anleitung kann in der Werkstatt genäht, gesponnen, gefilzt und gewebt werden. Sogar die eine oder andere Polizeihose wurde hier schon auf die richtige Länge gebracht. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Fertige Vorlagen oder Bücher können als Inspiration genutzt werden, um dann selbst kreativ seine Ideen einfließen zu lassen.

Schulklassen basteln hier Waldorfpuppen. Jugendliche und Erwachsene weben sich ihre Stoffe, um anschließend daraus Kleidung nach historischen Vorbildern, oder eigenen Vorstellungen zu nähen.
Mir wird eine Tasse Tee angeboten. „Für einen gemütlichen Plausch ist immer Zeit,“ versichert mir Evelyne.

Wollwerkstatt auf der Zitadelle Spandau

Zu den großen Festen auf der Zitadelle lockt der Duft von Waffeln neugierige Besucher in den gemütlichen Raum. Immer wieder werden auch Kindergeburtstage gefeiert, oder Märchen gelesen. Hier können sich die Menschen noch ohne die allgegenwärtigen Computer vergnügen. Kaum zu glauben. Kinder empfangen ihre Eltern, die sie wieder abholen wollen mit einem „was, ihr seid schon da?“.

Gerade Schulklassen kommen nicht nur zum Basteln hierher. Wer etwas über die Verarbeitung von Wolle erfahren möchte, ist hier goldrichtig. Mir fällt es schwer, wieder zu gehen. Doch ich kann ja wieder kommen.

Wollwerkstatt Evelyne Höpfner
Zitadelle Spandau
Haus 4, Erdgeschoss
Am Juliusturm 64
Öffnungszeiten:
Mo + Fr: 15 bis19 Uhr
Mi + Do: 9 bis 13 Uhr
Sa: nach Absprache
Eintritt: Kinder 2,50, Erwachsene 5 Euro.

Ralf Salecker



Zu finden unter: FreizeitFreizeit & Sport

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