Einweihung des erweiterten Mahnmals am Lindenufer

Ein Tag und zwei Gefühlswelten

Erweiterung des Mahnmals am Lindenufer (Foto: Bezirksamt)

Erweiterung des Mahnmals am Lindenufer (Foto: Bezirksamt)

Am 9. November werden sich Spaziergänger am Havelufer über die ungewöhnlich große Anzahl von Menschen am jüdischen Mahnmal gewundert haben. In einem feierlichen Akt wurde der Opfer der Novemberpogrome in der sog. Reichskristallnacht 1938 gedacht. Erst kurz zuvor wurde die Erweiterung des Mahnmals am Lindenufer fertig gestellt. Gleichzeitig ist dieser Tag aber ein Feiertag mit einem positiven Gedenken. Am 9. November 1989 fiel die Mauer.

Viel Prominenz nahm am Gedenken an die jüdischen Opfer teil. Helmut Kleebank, Bezirksbürgermeisters von Spandau, Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Isaac Sheffer, Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Mitglieder der AG Christen und Juden im Ev. Kirchenkreis Spandau und ganz besonders bemerkenswert, Angehörige der Opfer aus der Schweiz, Belgien, Frankreich, England, Schweden und Berlin. Dazu kamen zwei ehemalige Bezirksbürgermeister, Konrad Birkholz und Sigurd Hauff, alle Spandauer Stadträte, der Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung, Frank Bewig und einige Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlung. Dazu kamen viele Schüler, die sich ganz bewusst mit dem Geschehen der Judenverfolgung im 3. Reich auseinandergesetzt haben, indem sie ein Opfer-Schicksal für die Öffentlichkeit aufbereiteten.

Untrennbarkeit der Ereignisse

Bundespräsident Gauck betonte in einer Rede die Untrennbarkeit dieser beiden Ereignisse:

Die Geschichten gehören zusammen. Unsere jungen Leute sollten nicht zwei konkurrierende Geschichtserzählungen verinnerlichen“, sagte Gauck bei einem Ausstellungsbesuch in Berlin. Die junge Generation dürfe einerseits niemals vergessen, was die „Nazi-Barbarei“ gemacht habe. Andererseits sollten sie auch den Mauerfall in ihr Gedenken einbeziehen: „Dieses glückliche Geschehen des 9. November 1989 gehört zu dem anderen, bitteren 9. November.“

Die Menschen waren nicht schlecht, sondern nur passiv

Die bekannten 115 Opfer wurden mit der Erweiterung des Mahnmals durch eine sanft ansteigende Ziegelsteinmauer ihrer Anonymität entrissen. 115 Opfer-Namen sind auf den Steinen verewigt, zwei Steine tragen die Aufschrift „Unbekannt“, um auch der anderen zu gedenken. „Das Gedenken rückt so näher an uns heran, … , es waren Menschen, wie wir, die in die Maschinerie der Vernichtung gerieten …“, meinte dazu der Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank. Schöpfer des Gesamtwerkes sind die Architekten Ruth Golan und Kay Zareh.

„Viele Menschen in Spandau haben sich das Motto „Jeder Mensch hat einen Namen“ zu Eigen gemacht und mit einer Spende von 10 Euro einen einzelnen Stein für die Gedenkmauer finanziert oder sind mit einer Spende von 100 Euro Pate für einen Namensstein geworden.“

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin stellte die Frage, „ob wir heute frei sind, von solch bösen Dingen“. Dabei schaute er sich in der runde um, und wies auf Menschen unterschiedlicher Kulturkreise, die ganz selbstverständlich Teil unserer Gesellschaft sind. „Ist es heute vorstellbar, diese Menschen auszugrenzen? Nein!“ Das Geschehen vor rund 75 Jahren wird mit dem Abstand der Jahre für ihn immer unbegreiflicher. Genau darum ist das Erinnern notwendig. „Es waren ganz normale Menschen – wie wir heute, die zu so etwas fähig waren. … Können wir also sicher sein, uns heute anders zu verhalten? … Aktuell können wir optimistisch sein, weil erkennbar viele Menschen und Gruppen sich sehr engagieren. Doch damals waren die meisten Menschen nicht böse. … Die Passivität der Mehrheit machte das unvorstellbare Geschehen erst möglich.“

 

Ralf Salecker


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