Freybrücke in Spandau

Überraschende Wendung in den Bauplanungen

Freybrücke in Spandau

Mehr als 50 000 Fahrzeuge jeglicher Art überqueren jeden Tag die 174 Meter lange denkmalgeschützte Freybrücke, um entweder nach Spandau zu gelangen, oder in Richtung Berlin zu fahren. Im Jahr sind dies 18,25 Millionen Autos, die inzwischen, wegen angeblicher Baufälligkeit, nur noch mit 30 km/h diese Verbindung nutzen. Alle haben gejubelt, als vor wenigen Tagen die Spandauer-Damm-Brücke in Charlottenburg – nach 35 Monaten Bauzeit – wieder vollständig dem Verkehr übergeben wurde. Endlich herrscht wieder freie Fahrt von Spandau in die Innenstadt. Mit dieser Freude wird es bald vorbei sein, denn die Freybrücke soll Ende des Jahres abgerissen werden, um für rund 30 Millionen Euro einem Neubau zu weichen.

Ein neues Nadelöhr für Autofahrer tut sich dann auf. So friedlich die Nutzung heute ist, so kriegerisch war der Anlass für ihren Bau in den Jahren 1908/ 1909. Damals wurde sie für 1,14 Millionen Mark geschaffen, um eine Verbindung zwischen dem Berliner Schloss und dem Truppenübungsplatz Döberitz herstellen. Gleich zu Beginn lockte diese günstige Verbindung viele Ausflügler nach Pichelswerder. Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, genauer, die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost als Planfeststellungsbehörde, hat im August 2010 den Ersatzneubau der Freybrücke genehmigt. Verantwortlich für die Bauarbeiten ist das Wasserstraßen-Neubauamt des Bundes.

„Während der Baumaßnahmen wird der Straßenverkehr über eine vierspurige Behelfsbrücke nördlich parallel zur vorhandenen Brücke geleitet. Diese soll Staus auf der stark befahrenen Heerstraße vermeiden. Zum Schutz der Anwohner vor Lärm in der Bauphase wird auf der Nordwestseite der Behelfsbrücke eine Lärmschutzwand errichtet. Aufgrund des maroden Bauzustandes kann die 1909/1910 gebaute und nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Freybrücke nicht saniert werden. Sie ist neu zu errichten. Die neuen Baumaterialien mindern zudem die Lärmbelastung für die Anwohner. Der Ersatzbau ermöglicht die Anhebung der Brücke, so dass die Containerschifffahrt die Brücke in Zukunft ohne Einschränkung ganzjährig passieren kann.“

Der Planfeststellungsbeschluss konnte vom 24.8. bis 7.9.2010 im Bezirksamt Spandau eingesehen werden. Das Interesse war eher mäßig, nun bekommt der Bürger die Quittung präsentiert. Mit etwa vier Jahren Verkehrschaos ist zu rechnen.

Weitere Brückenerneuerungen in Spandau werden folgen, die Schulenburgbrücke am Rande der Spandauer Wilhelmstadt, die Dischingerbrücke nahe und die Charlottenbrücke in der Spandauer Altstadt. Die letzte Bezirksverordnetenversammlung in Spandau zeigte sich höchst uneinig über die Bewertung des Bauprojektes. Die Grünen-Fraktion fordert umgehend ein Gutachten, welches die angebliche Baufälligkeit der Brücke bestätigen soll. CDU und FDP stimmten für diesen Vorschlag, die SPD war dagegen und der Vertreter der LINKEN enthielt sich. Bisher gibt es keine einsehbaren schriftlichen Unterlagen, die einen Neubau der Brücke notwendig machen. Begehungsprotokolle und Tragwerksuntersuchungen allein genügen nicht, nach Ansicht der GAL-Fraktion, um einen Abriss zu rechtfertigen.

Schon im Juni 2010 setzten sich CDU, FDP und GAL für eine Sanierung ein: „Die im VDE Nr. 17 angenommenen Wirtschaftsvoraussetzungen haben sich in den vergangenen 20 Jahren jedoch verändert. Zudem wird z. B. bezüglich der denkmalgeschützten Freybrücke irrtümlich angenommen, sie sei zu niedrig und müsste beim Neubau auf eine Durchfahrtshöhe von 5,25 m angehoben werden. Richtig ist, dass im Zuge gutachterlicher Höhenbestimmung nach winterlichem Hochwasser eine Durchfahrtshöhe von 5,65 ermittelt wurde. Zurzeit – gemessen am 23. Juni 2010 – liegt die Durchfahrtshöhe bei 6,00 m und 6,50 m bei der Dischinger Brücke. Der schlechte Bauzustand der Freybrücke ist allein auf jahrelange Unterlassung der Brückenpflege entgegen der denkmalpflegerischen Vorgaben zurückzuführen. Die Sanierung der 60 Jahre alten Brücke ist nach Aussagen von Fachleuten ohne weiteres möglich, wie die erfolgreiche Sanierung der 100 Jahre alten Stößensee-Brücke zeigt. Die Sanierung und bauliche Unterhaltung aller genannten Brücken wäre arbeitsmarktpolitisch und unter dem Aspekt der Denkmalpflege für die Region Berlin-Brandenburg die einzig richtig Maßnahme.“ Enak Ferlemann, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, antworte auf eine frühere Anfrage, „die Erhaltungs- und Sanierungskosten wären so teuer wie ein Neubau“.

Der gesamte Streit könnte bald vergessen sein, wenn die neuen Pläne des Bundes verwirklicht werden. Hierbei soll ein Verfahren genutzt werden, welches schon beim Bau der U-Bahn-Linie nach Spandau erfolgreich genutzt wurde. In Senkkastenbauweise soll das kurze Stück bis zur Unterquerung der Havel errichtet werden. Mit Hilfe eines Schildvortriebes soll die Havel dann selbst untertunnelt werden. Die Kosten des Projektes trägt vollständig der Bund. Spandau, aber auch das Land Berlin werden sich über diese neue Wendung der langjährigen Diskussionen freuen. Insgesamt sollen die veranschlagten Kosten nicht wesentlich über denen der bisherigen Planungen liegen. Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer (SPD) und Bundesverkehrsminister Ramsauer (CSU) werden heute gegen 11 Uhr überraschend der Freybrücke einen Besuch abstatten. Vertreter des Bezirksamtes werden zugegen sein.

Ralf Salecker


Zu finden unter: News

Tags:

Artikel drucken Artikel drucken

Über den Autor:

RSSKommentare(3)

Trackback URL

Feedback

You must be logged in to post a comment.

Jetzt Neu: Kleinanzeigen in Berlin und Spandau