„Meine Oma van Gogh“ in der Stadtbibliothek

 Im hohen Alter noch zum Pinsel greifen

Die Stadtbibliothek verwandelt sich in ein altes Wohnzimmer (Foto: Ralf Salecker)

Die Stadtbibliothek verwandelt sich in ein altes Wohnzimmer (Foto: Ralf Salecker)

Alte Menschen zwischen 55 und 100 haben zum Pinsel oder einem anderen Malwerkzeug gegriffen und „auf die Leinwand“ gebracht, was ihnen auf der Seele lag. Das Ergebnis kann seit einigen Tagen in einer Ausstellung im Lesecafé der Stadtbibliothek in der Spandauer Altstadt betrachtet werden.

Nun mag man sagen, das ist doch nichts Besonderes, schließlich ist fast ein Drittel aller Spandauer über 60. Es sind nicht irgendwelche ältere Menschen, die künstlerisch tätig wurden. Alle nutzen die Seniorentagespflegestätte der AWO und sind auf die eine oder andere Art und Weise pflegebedürftig.

Wir werden glücklicherweise alle älter, leider nicht immer bei vollständiger körperlicher oder geistiger Gesundheit. Unsere größte Angst ist es, alt und pflegebedürftig, genauer gesagt, abgeschoben, hilflos und zum Nichtstun abgestempelt zu sein.

Kunsttherapeuthische Begleitung

Allzu leicht besteht die Gefahr, im Alter zu verkümmern. Sei es, weil andere uns nichts mehr zutrauen, wir selbst ebenso denken oder echte Grenzen uns Probleme bereiten. Körperliche oder geistige Defizite erscheinen manchmal als der absolute Bremsschuh. Gerade dann ist es wichtig, jemanden zu haben, der verschüttete oder bisher ungenutzte Potentiale weckt.

Dies macht Elena Melichowa-Hass, die bei der AWO als Kunsttherapeutin tätig ist. In ihrer Malgruppe gibt sie den Senioren ein Werkzeug an die Hand, sich sinnvoll zu betätigen und damit wieder eine positive Erfahrung zu machen. Mit dem steigenden Selbstwertgefühl bekommen auch andere Dinge wieder eine positive Bedeutung.

„Farbe heilt die Seele“, davon ist Elena überzeugt. „Manche Menschen, die nicht sprechen können, reden durch ihre Bilder. Aller Anfang ist schwer. Das gilt auch für alte oder kranke Menschen, die ganz lange nichts Künstlerisches mehr getan haben – und sich vielleicht doch danach sehnen.“

Alte Menschen kommen und gehen

Das Alter und Krankheit fordern immer wieder ihren Tribut. Von einem Tag zum anderen sind Mitglieder der Gruppe nicht mehr dabei. Tod und Krankheit sind ein alltäglicher Begleiter. So bilden die Bilder oft einzige bleibende Erinnerung an einen Menschen.

„In dieser Zeit kamen Senioren und gingen …einige sind verstorben, einige kamen ins Altersheim, einige sind so dement geworden, dass sie ihr eigenes Bild gar nicht mehr erkennen … Es ist traurig. Ich muss mich damit abfinden, wenn ich morgens komme, könnte es immer passieren, dass einer „meiner Künstler“ einfach nicht mehr lebt …“

Aber das Ergebnis zählt. Manch einer hat erst spät seine schöpferische Ader entdeckt, ein anderer bekam erst in der Gruppe wieder die Gelegenheit, eine alte Leidenschaft auszuleben. So sind die Bilder alle höchst unterschiedlich, schließlich spiegeln sie die vielfältigsten Schicksale wider.

 

Ralf Salecker

 

Ausstellung im Lesesaal der Stadtbibliothek Spandau bis zum 29.11.2012.

  • Öffnungszeiten:
  • Mo, Mi, Fr 11 bis 20 Uhr
  • Di, Do 11 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 14 Uhr
  • Stadtbibliothek Spandau, Carl-Schurz- Str.13 13597 Berlin

 


Zu finden unter: FeaturedKunst & Kultur

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