Schlechte Zeiten für Allergiker

Der Fehler liegt im System: Pollenflugvorhersagen sind für Allergiker nur bedingt hilfreich, da die Daten meist vom Vortag stammen und ihre Erhebung ein Fehlerpotenzial birgt.

Zwar veröffentlichen die Wetterdienste detaillierte Vorhersagen für den Pollenflug, die sogar mit dem Mobiltelefon über Apps abrufbar sind. Doch deren Datenbasis ist verhältnismäßig alt und mitunter fehlerträchtig, so dass selbst gute Meteorologen nur einen vagen Trend ableiten können. Für Allergiker ist das nur bedingt brauchbar.

Vorhersagen sind für Allergiker nur bedingt hilfreich.

Vorhersagen sind für Allergiker nur bedingt hilfreich. Foto: Patrick Rein

12 Millionen Allergiker

Nach Angaben des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung leidet etwa jeder siebte Deutsche unter Allergien, die durch Pollen hervorgerufen werden. Die Tendenz ist steigend. Symptome zeigen sich meist über Nase, Augen und Haut, aber auch durch Atemnot oder Husten. Typisch ist der sogenannte Heuschnupfen mit Niesreiz und laufender Nase. Weil auch Kreuzreaktionen mit Nahrungsmitteln beobachtet werden, sollten Pollenallergien stets ernst genommen werden. Als heftigste Reaktion gilt der anaphylaktische Schock, eine lebensgefährliche Überreaktion des Immunsystems. Wer eine Allergie bei sich vermutet, sollte zum Arzt gehen. Der macht einen einfachen Prick-Test, um eine Reaktion auf bestimmte Pollen festzustellen. Dann können Sprays oder Antihistaminika-Tabletten helfen, die im Gegensatz zu früher nicht mehr müde machen. Leiden die Betroffenen extrem, kann eine Hyposensibilisierung dauerhaft Abhilfe schaffen – doch das Verfahren mit vielen Spritzen ist unangenehm und langwierig.

Seit 60 Jahren unverändert

Das der Pollenflugvorhersage zugrunde liegende System ist europaweit nahezu einheitlich: Eine sogenannte Hirst- oder Burkard-Falle saugt Außenluft an und sammelt den darin enthaltenen Blütenstaub. Dann wird unter einem Mikroskop die Pollenart und -konzentration ermittelt. Das simple, bereits 1952 veröffentlichte Verfahren wird bis heute praktisch unverändert angewandt. In Deutschland gibt es 45 solcher Messstationen, deren Ergebnisse vom Deutschen Wetterdienst einmal täglich als Pollenflugvorhersage veröffentlicht werden. Daneben erstellen auch private Wetterdienste Vorhersagen. Viele Apps hingegen bilden anscheinend nur den saisonalen Verlauf des Pollenflugs, den sogenannten Pollenkalender, ab. Dieser basiert auf langjährigen Erfahrungswerten. Eine aktuelle Messung der Pollenkonzentration liegt nicht zu Grunde. Sachkundige bemängeln die Aktualität der Messungen: Die 24 bis 48 Stunden alten Erhebungen könnten für Allergiker nur bedingt von Relevanz sein. Vorteilhaft wäre, möglichst frühzeitig vorgewarnt statt nachträglich informiert zu werden. Um die Betroffenen wirksam zu unterstützen, müssten Pollenart und -aufkommen quasi in Echtzeit, mindestens aber mehrfach am Tag, ermittelt und veröffentlicht werden.

Kritik wird auch an der Methodik der manuellen Identifikation der teils nur 0,01 mm kleinen Pollenpartikel geübt. Bestimmte Arten lassen sich nur anhand feinster Variationen in Größe, Symmetrie sowie in Anzahl und Gestalt unterscheiden. Ringversuche in mehreren europäischen Ländern haben Fehlerquoten von bis zu 50 Prozent ergeben. Dass der Pollenflug zudem nicht ganzjährig flächendeckend gemessen wird, gilt als weiteres Manko. Zwar blühen Pflanzen naturgemäß in warmen Perioden, doch das ist relativ: Einschließlich Vor- und Nachblüte haben viele Arten von Februar bis September Saison. Lediglich von Oktober bis Januar herrscht weitgehend Ruhe.

Patrick Rein


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