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Zirkus statt Theater

Der gestern gefundene Kompromiss zwischen Bezirksamt und Zirkus Julius Renz ist offiziell

Nachdem in den letzten Tagen viel über Tierschutz und Zirkus diskutiert wurde, erteilte das Bezirksamt Spandau nun unter Auflagen eine vorläufige Auftrittsgenehmigung (siehe auch Bericht hier). Auch wenn nicht eindeutig zu klären ist, wo genau die Wahrheit liegt, ist es nun an der Zeit, das menschliche Schicksal in den Vordergrund zu rücken: Denn eine 16-köpfige Zirkusfamilie steht nach den Ausfällen der vergangenen Tage vor dem Ruin.

Die Tiere werden sich in Spandau nicht mehr dem Publikum zeigen.

Die Tiere werden sich in Spandau nicht mehr dem Publikum zeigen. Foto: Patrick Rein

Vorstellung ohne Tiere

Bereits heute mit zwei Vorstellungen um 15 Uhr und 18 Uhr möchten sich die Zirkusleute wieder dem Publikum präsentieren. Die Tiere, so besagt es der Kompromiss, dürfen nicht gezeigt werden, wodurch Akrobatik als auch Feuershow noch mehr in den Vordergrund rücken. Im artistischen Teil begeistert Svetlana Trechina, damals im Moskauer Staatszirkus ausgebildet, auf Drahtseil und RolaRola. Und für die humorvolle Unterhaltung sorgt der Clown Sergey. Da auf die Tiere verzichtet wird, wurden die Preise auf 12 bzw. 10 Euro ermäßigt gesenkt. Am Sonntag beginnen die Vorstellungen um 11 Uhr und 15 Uhr, unter der Woche (außer Dienstag ist Ruhetag) um 17 Uhr. Der Zirkus Renz gastiert noch bis zum 20. Mai auf dem Gelände am Brunsbüttler Damm, weit entfernt von den Spandau Arcaden.

Tierschutz versus Existenzverlust

Dunkle Wolken über dem Zirkus Renz. Das große Zelt wurde abgebaut.

Dunkle Wolken über dem Zirkus Renz. Das große (hintere) Zelt wurde abgebaut. Foto: Patrick Rein

Die Meinungen über Zirkustiere gehen weit auseinander. Generell hat sich in den letzten Jahrzehnten die Haltung dem Zirkus gegenüber geändert – Raubtiere und Elefanten sind kaum noch zu finden. Dennoch hat diese Art der Unterhaltung eine lange Tradition und auch seine Daseinsberechtigung. Selbstverständlich müssen die Gesetze zum Schutz der Tiere eingehalten werden. Ob der Zirkus Renz hier tatsächlich gegen verstoßen hat, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Doch egal welche Einstellung vertreten wird – es geht jetzt um das menschliche Schicksal. Spandau sollte nicht Schuld am Ende des Zirkus Renz sein. Jeder ist aufgerufen, sich selbst ein Bild über die Zirkusfamilie zu machen und dafür zu sorgen, dass neben den Tieren auch die Kinder weiter versorgt werden können.

Die Lamas als auch alle anderen Zirkustiere blicken in eine ungewisse Zukunft.

Die Lamas als auch alle anderen Zirkustiere blicken in eine ungewisse Zukunft. Foto: Patrick Rein

Spandau in der Vorreiterrolle

Durch das Vorgehen des Veterinäramtes und dem daraus entstandenem öffentlichen Interesse, ist die Debatte über Zirkus und Tierhaltung neu entfacht. Das Bezirksamt Spandau hat im Rahmen der geltenden Gesetze gehandelt und wird es auch weiterhin so handhaben. Das ist richtig und gut im Sinne des Tierschutzes. Doch nachdem die strengen Augen des Ordnungsamtes ihre Bedenken relativiert haben, sollten die Spandauer Bürgerinnen und Bürger dem Zirkus Julius Renz mit ihrem Besuch auch eine Chance geben. Und wenn für jeden Künstler der Applaus die schönste Anerkennung ist, so macht dieser niemanden satt.

Eilmeldung: Zirkus Renz bittet um Entschuldigung

Auftrittsverbot bestand trotz anderslautender Meldung der Zirkusfamile weiterhin, Familie Renz bangt um Existenz

Am heutigen Nachmittag verschickte der Zirkus Julius Renz, welcher seine Zelte momentan auf dem Gelände an den Spandauer Arcaden aufgeschlagen hat, eine Meldung dass das vom Bezirksamt Spandau erteilte Auftrittsverbot ausgesetzt wurde. Pünktlich zum Veranstaltungsbeginn strömten jedoch nicht die Zuschauer sondern Ordnungsamt, Polizei und der zuständige Stadtrat Stephan Machulik (SPD) zum Veranstaltungsort. Der Grund: Das Verbot war, wie wir am Mittwoch ausführlich berichteten („Kein Zirkus an den Arcaden“), weiterhin in Kraft.

Statt Zuschauern stand das Ordnungsamt vorm Zirkus Renz.

Statt Zuschauern stand das Ordnungsamt vorm Zirkus Renz. Foto: Patrick Rein

Hitzige Diskussion

Es folgten sachliche als auch emotional geführte Gespräche zwischen Bezirksleitung, Ordnungshütern, Vermittlern und den um ihre Existenz fürchtenden Zirkusleuten. Gegenstand der Diskussion sind wie so oft Paragraphen, Gutachten und Bürokratie. Das Veterinäramt stellte bei seiner Untersuchung an den Zirkustieren Mängel fest, die bei einer zweiten unabhängigen tierärztlichen Untersuchung ausgeräumt wurden. Diese war vom Bezirksamt selbst in Auftrag gegeben. War aber nicht wie verbreitet von einem Amtstierarzt Berlin durchgeführt – denn diesen gibt es nicht. Dadurch behielt auch die Entziehung der Auftrittsgenehmigung ihre Gültigkeit.

Kompromiss gefunden

Stadtrat Stephan Machulik (SPD) und Familie Renz suchten Kompromiss.

Stadtrat Stephan Machulik (SPD) und Familie Renz suchten Kompromiss. Foto: Patrick Rein

Mittlerweile konnte die Zirkusleitung jedoch anfangs fehlende Impfpässe vorlegen und auch eine allgemeine Unterernährung der Tiere muss zurückgenommen werden. Stadtrat Stephan Machulik war daher gemeinsam mit der am Nervenzusammenbruch stehenden Familie Renz mehrere Stunden um einen Kompromiss bemüht. Dieser scheint jetzt gefunden und wir werden morgen früh ausführlich berichten, ob er auch offiziell zustande kommt. Generell bleibt festzuhalten, dass die Spandauer Behörden ausschließlich im Sinne des Tierschutzes gehandelt haben. Es bestanden zwar auch baurechtliche Beanstandungen bezüglich des großen Zeltes, die aber erklärt wurden.

Schutz der Tiere war die Prämisse, die Pferde dürften auftreten.

Schutz der Tiere war die Prämisse, die Pferde dürften auftreten. Foto: Patrick Rein

Renz braucht die Spandauer

Dadurch steht jedoch eine 16-köpfige Zirkusfamilie kurz vor dem Ruin. Es liegt an den Spandauern ihnen jetzt zu helfen, denn der Kompromiss sieht eine vorläufige Auftrittserlaubnis mit Pferden und Tauben vor. Der Schwerpunkt hingegen wird auf Akrobatik und der atemberaubenden Feuershow liegen. Wenn die Erlaubnis erteilt wird, würden sich die Zirkusleute über jeden Zuschauer freuen. Denn sie wollen keine Almosen sondern sich jeden Cent verdienen. Wie oben angekündigt werden wir morgen früh ausführlich über den Kompromiss als auch das Schicksal des Zirkus Renz berichten.