„Zu Vergessen wäre ein Affront“: Gedenken an Zwangsarbeiter in Spandau


An den ehemaligen Siemens-Lagern in Haselhorst wurden Gedenktafeln eingeweiht

„Nur wer die Geschichte kennt, kann die Zukunft deuten“, mit diesen Worten erinnerte Moritz Lüttich, ein ehemaliger Schüler der Bertolt-Brecht-Oberschule, an die Lehren, die aus dem Nazi-Regime zu ziehen sind.

Rüdiger Lötzer, Verein Zwangsarbeit

Rüdiger Lötzer, vom Verein Zwangsarbeit erinnern e. V. eröffnete die Einweihung.

Am Montag hatten sich einige Menschen, darunter auch Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, zusammengefunden, um zwei Gedenktafeln zu enthüllen. An der Paulsternstraße Ecke Gartenfelderstraße und an der Nonnendammalle Ecke Paulsternstraße erinnern ab jetzt zwei Gedenktafeln an die Zwangsarbeiter, die im Dritten Reich auf dem angrenzenden Gelände untergebracht waren. Für Siemens mussten sie im Kabel-, Kleinbau- und Schaltwerk arbeiten, später auch Splitterschutzgräben ausheben.

Gedenkstätten sind wie Stolpersteine

Ein „menschenverachtendes System der Zwangsarbeit“, nannte das Rüdiger Lötzer, Vorsitzender des Vereins Zwangsarbeit erinnern e. V. Der Verein hat schon eine Gedenktafel im Waldkrankenhaus installiert und sich nun für die Herstellung der beiden neuen Tafeln eingesetzt.

Für Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank sind Gedenkstätten wie Stolpersteine. Auch heute sei Widerstand gegen Rechts wichtig. „In den letzten Tagen sind wir unsanft an den rechten Terrorismus erinnert worden.“ Zum Schluss seiner Rede appellierte er an seine Zuhörer: „Lassen Sie uns für die Zukunft gemeinsam menschenverachtenden Terror verhindern.“

Schwache gingen zurück ins KZ

Gedenktafel Zwangsarbeiter-Kleebank

Unter den Rednern: Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (mitte), links daneben: Henry Schwarzbaum, Überlebender der NS-Zwangsarbeit.

Erst im Jahre 1997, zur 150-Jahr Feier von Siemens, hatte das Unternehmen begonnen, die Zwangsarbeitervergangenheit aufzuarbeiten, wie Wolfgang Walter vom Betriebsrat der Siemens AG erklärte. Lange habe man sich davor gedrückt, dabei seien die Menschen zu der Zeit “wie Arbeitsmaterial” benutzt worden. „Erinnern heißt, die Geschichte einholen“, erklärte er den Zuhörern. Wie das Leben in den beiden Zwangsarbeiterlagern Haselhorst Nord und Süd wirklich ausgesehen hat, daran erinnerte Uwe Hofschläger von der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau. Das für 2000 Männer ausgelegte Lager erreichte 1945 die höchste Belegung mit 2454 Häftlingen. In dreistöckigen Betten, im Winter mit unzureichender Kleidung, mussten die Zwangsarbeiter am Tag bis zu 12 Stunden arbeiten. „Auch die Verpflegung war meist, trotz ausreichender Versorgung durch Siemens, unzureichend“, erklärte Hofschläger. Denn die SS unterschlug die für die Häftlinge vorgesehenen Waren. „Zu Todesfällen kam es in den Lagern selten“, so Hofschläger. Der Grund war die Praxis, geschwächte Häftlinge direkt in das KZ zurückzuschicken. Auch nach der Zerstörung des Lagers im März 1945 durch Luftangriffe, kamen die Häftlinge nicht etwa frei, sondern wurden nach Sachsenhausen und Ravensbrück verbracht. Einer der Überlebenden der NS- Zwangsarbeit, Henry Schwarzbaum, lüftete dann auch mit dem Studenten Lüttich das Tuch über der Gedenktafel, so kamen Jung und Alt im Gedenken über das Nazi-Regime zusammen.

Die Hölle auf Erden

Das Gestell der Tafeln war von Konstruktionsmechanikern der Knobelsdorffschule angefertigt worden. Schulleiter Klaus Giesert betonte vor allem den Einsatz von Harry Schapira für das Projekt.

Henry Schwarzbaum

Zwangsarbeit-Überlebender Schwarzbaum neben der neuen Gedenktafel. Fotos (3): Kirsten Stamer

Wie berichtet, setzt sich Schapira mit seinen Kollegen auch für Austauschfahrten nach Israel und so für das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg ein. Für Völkerverständigung auch innerhalb Europas plädierte außerdem der ehemalige BBO-Schüler Lüttich. Die Zwangsarbeiter hätten „die Hölle auf Erden“ durchgemacht. „Zu Vergessen wäre ein Affront gegen die Opfer und würde die Verbrechen im Nachhinein relativieren.“

Kirsten Stamer

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