Haben die Gatower Riesefelder eine Zukunft?

Eine besondere Naturlandschaft in Spandau vor großen Veränderungen

Die Verrieselung von Klarwasser, also vorgereinigtem Abwasser, auf dem Gebiet der Rieselfelder Karolinenhöhe in Gatow wurde 2010 eingestellt. Die Senatsverwaltung von Berlin hatte die Genehmigung für die Berliner Wasserbetriebe nicht mehr verlängert. Damit haben die Rieselfelder ihre eigentliche Funktion verloren.

Informationsveranstaltung zur Zukunft der Gatower Rieselfelder: Ulrike Sommer (SPD), Katrin Lemm (BWB), Jens Feddern (BWB), Prof. Dr.-Ing. Udo Wiesmann

Seit 1996 ist die etwa 220 Hektar große Fläche Landschaftsschutzgebiet und bietet, gerade wegen seiner kleinteiligen Struktur, nicht nur den Menschen einen ganz besonderen Erholungsraum, sondern auch vielen Tier- und Pflanzenarten die notwendigen Biotope. Ohne die regelmäßige Bewässerung verändert diese Landschaft zwangsläufig ihr Gesicht. Im Flächennutzungsplan ist das Gebiet als Landwirtschaftliche Nutzungsfläche ausgewiesen.
Eine rund 100-jährige Nutzung der Rieselfelder bleibt nicht ohne Folgen auf die Umwelt. Im Tagebau ist eine Rekultivierung der zerstörten Natur gesetzlich geregelt. Für Rieselfelder gilt dies nicht. So sind die teilprivatisierten Berliner Wasserbetriebe zwar Eigentümer des Rieselfeldgeländes Karolinenhöhe, sehen sich aber nicht in der Pflicht, oder in der Lage, für eine Zeit „danach“ auch finanziell zu sorgen. „Eine Schadstoffbeseitigung wäre unbezahlbar, so die Berliner Wasserbetriebe.
Am Dienstag, den 8. Februar 2011, gab es im Restaurant „Casa Italiana Da Alberto“ in Alt-Gatow eine Bürgerversammlung, in der über Planungen zur weiteren Nutzung oder Bewirtschaftung der Gatower Rieselfelder informiert werden sollte.
Ulrike Sommer von der SPD (Abteilungsvorsitzende Gatow – Kladow und stellvertretende Kreisvorsitzende in Spandau) betonte, „… das Ziel der Veranstaltung ist, nicht als Wutbürger, aufzutreten, sondern sich zu informieren …“.
Das Podium der Veranstaltung war hochkarätig besetzt. Prof. Dr.-Ing. Udo Wiesmann, Fachmann für die „Biologische Behandlung industrieller und gewerblicher Abwässer“ an der TU-Berlin, als Moderator, Vertreter der Berliner Wasserbetriebe, und die Leiterin des LuV Naturschutz, Grünflächen und Umweltschutz im Bezirksamt Spandau, Elke Hube. Unter den Besuchern waren u. a. viele Mitglieder des Arbeitskreis Gatow und des Landschaftspflegeverband Gatow.

Informationsveranstaltung zur Zukunft der Rieselfelder Karolinenhöhe: Reinhard Große Sudhoff (SPD), Elke Hube

Von den Berliner Wasserbetrieben nutzen Jens Feddern (Leiter der Wasserversorgung) und Katrin Lemm (Nachnutzungskonzept Rieselfelder Karolinenhöhe) die Gelegenheit, aus der Sicht des Besitzers und ehemaligen Betreibers der Rieselfelder zu informieren:
Die Verrieselung wurde endgültig eingestellt, weil eine Gefährdung des Grundwassers und damit der Trinkwassergewinnung zu befürchten ist. Das verrieselte Wasser versickert nicht einfach im Boden. Vielmehr bewegt es sich auch in Richtung der Trinkwasserbrunnen in Tiefwerder. 50 Jahre werden für den Weg – unter der Havel hindurch – veranschlagt. Im Laufe ihrer 100jährigen Betriebszeit haben sich eine Fülle von Schadstoffen im Boden angereichert. Diese Schadstoffe, von denen die Schwermetalle eher einen weniger bedeutsamen Teil ausmachen sollen, würden mit dem Wasser transportiert. Studien würden diese Erkenntnis belegen.
Damit stehen sie im Widerspruch zu anderen, nach denen gerade die Verrieselung von Wasser die Schadstoffe im Boden binden würde. Dummerweise gibt es Schadstoffe, die eher im alkalischen Millieu und andere, die eher im sauren Milieu mit dem Wasser „wandern“. Schadstoffe befinden sich auch in den oberen Schichten des Bodens. Trocknet dieser aus, können diese vom Wind verweht weht werden.
Abgesehen davon, dass es sich um ein komplexes System handelt, bei dem es keine einfachen Lösungen geben kann, gab es für die Teilnehmer keine befriedigende Antwort auf die Schadstofffrage.
Der Boden der Rieselfelder Karolinenhöhe ist sehr sandig. Wird kein Wasser mehr verrieselt, werden Pflanzen und Tiere betroffen sein, die sich an die regelmäßige Feuchtigkeit gewöhnt haben. „Keiner denkt an die vielen Amphibien und Reptilien“, so ein Tierarzt.

Bürgerversammlung zur Zukunft der Gatower Rieselfelder.

Frau Hube vom Naturschutz- und Grünflächenamt in Spandau brachte es pragmatisch auf den Punkt. Wenn die Pflanzen und Tiere mit den anstehenden trockeneren Bedingungen nicht zurecht kommen, dann ist auch dies ein natürlicher Prozess. Sie betonte aber ausdrücklich ihr Interesse einer bewussten Landschaftspflege. Obstbaumalleen, Hecken, kleine Wäldchen und Wälle müssten unbedingt erhalten werden.
Die Interessen der Versammlungsteilnehmer sind sehr unterschiedlich. So wird einerseits eine Berieselung gewünscht, um die etablierte Natur zu erhalten und – aus Sicht der Landwirte – eine ertragreichere Nutzung zu ermöglichen. Lebensmittel für Menschen dürfen schon lange nicht mehr angebaut werden.
Während Landwirte sich eher eine Veränderung der Kleinteiligen Struktur wünschen, um wirtschaftlich mit größeren Maschinen arbeiten zu können, wollen Naturschützer und Erholungssuchende die bestehenden Strukturen dieser besonderen Spandauer Landschaft erhalten. „Du stehst hier und denkst, es ist endlos …“, so eine begeisterte Stimme.
Wünschen sich die Einen Rückbaumaßnahmen, bei denen alte Betonkanäle beseitigt, Entwässerungsgräben zugeschüttet und Wälle planiert werden, fordern andere eine intensive Landschaftspflege.
Wie emotional das Thema betrachtet wird, zeigt sich in der Reaktion auf den Wunsch, diese Kleinteiligkeit zu bewahren. „Dann können wir ja wieder Pferde vor die Geräte spannen …“, so der Vorsitzende des Landschaftspflegeverband Spandau Hans-Joachim Ernst.
Noch existiert kein Nutzungskonzept für die Zukunft. Eine wie auch immer geartete Nutzung setzt kostenintensive Planungen voraus. Die Berliner Wasserbetriebe betonten, es wäre den Berliner Wasserkunden nicht zuzumuten, für Maßnahmen auf den Gatower Rieselfeldern zur Kasse gebeten zu werden. Damit ist das eigentliche Problem identifiziert. Ohne verfügbare Gelder ist fast nichts möglich. Selbst eine alternative Bewässerung der ehemaligen Rieselfelder mit Havelwasser stößt an finanzielle Grenzen. Dazu kommt das Problem, dass gerade in den Sommermonaten kaum Wasser aus der Unterhavel entnommen werden kann.
Finanzielle Fördertöpfe, um eine Landschaftspflege durch die Landwirte zu sichern, existieren in Berlin nicht. Zuständig wäre das Land Brandenburg, welches kaum ein Interesse an der Pflege „kleiner“ innerstädtischer Flächen haben dürfte.
Daniel Buchholz, der umweltpolitischer Sprecher der Berliner SPD, möchte zum Thema möglicher Fördertöpfe eine kleine Anfrage im Abgeordnetenhaus einbringen …
Insgesamt bleibt am Schluss der Veranstaltung ein großes Fragezeichen im Raum.

Ralf Salecker


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