IHK fördert Kiez-Initiativen zur Qualifizierung

IHK: Optimierung der Verkehrsinfrastruktur fördert Wirtschaftlichkeit und Umwelt

Teil 2 des Interviews mit Vertretern der  IHK (Industrie- und Handelskammer)

Karsten Schulze und Thomas-Ebelt von der IHK

Karsten Schulze und Thomas-Ebelt von der IHK

Die IHK geht mit ihrer Arbeit auch in die Schulen. Was genau macht den Grundgedanken des IHK Projektes „Partnerschaft Schule Betrieb“ aus?

Thomas Ebelt: Der Grundgedanke dieses von der IHK Berlin seit elf Jahren betriebenen Projektes ist es, eine bessere Berufsorientierung in der allgemeinbildenden Schule zu unterstützen. Durch die Unterstützung der Betriebe sollen die Schulen in die Lage versetzt werden, bislang überwiegend rein theoretisch vermittelte Berufsorientierung durch Einblicke in die betriebliche Praxis für die Schüler plastisch und greifbar zu machen. Mit der Initiative „Partnerschaft Schule Betrieb“ verringert die IHK Berlin auch die Distanz zwischen Schulen und der Wirtschaft. Sie hilft ihnen dabei, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, produktive, systematische und feste Kooperationen zu etablieren. Mittlerweile gibt es über 300 erfolgreiche Kooperationen. Mit der Berliner Schulreform wurde der Grundgedanke des Projektes aufgegriffen, in dem das „Duale Lernen“ in die Curricula der Sekundarschulen fest integriert wurde.

Spandau verfügt über einen hohen Anteil an Migranten. Sprachprobleme und schlechte Schulbildung qualifizieren sie dann kaum für anspruchsvolle Tätigkeiten. Manch einer meint, man müsse nur den Druck erhöhen, um die Situation zu verbessern. Die IHK dagegen hatte vor einigen Jahren besondere Kiez-Initiativen ausgezeichnet. Ist diese Form der Motivation nicht langfristig erfolgreicher?

Thomas Ebelt: Kiez-Initiativen, die sich besonders der Integration widmen oder deren Angebote sich besonders an Mitbürger mit Migrationshintergrund richten, sind wichtig, weil Integration gerade dann gelingt, wenn sie im alltäglichen und lokalen Miteinander gelebt wird. Gerade weil diese Projekte auf lokaler Initiative gründen, haben sie den Vorteil, gezielt vor Ort und im direkten Kontakt zu Beteiligten und Betroffenen unterstützen, vermitteln oder auch einfach zunächst einmal alle einbinden zu können. Hier zeigt sich auch, dass Eigeninitiative viel zum Erfolg von Integration beiträgt. Oftmals können durch die Kontakte, die im Rahmen solcher Projekte entstehen, Kommunikationsbarrieren aufgebrochen werden – ein wichtiger Schritt auf dem Weg gelingender Integration. Gleichzeitig wird deutlich, dass gelingende Integration in der beiderseitigen Verantwortung von Migranten und Nicht-Migranten liegt. Ohne aktive Beteiligung und Eigeninitiative der Betroffenen ist jede gut gemeinte Unterstützung zum Scheitern verurteilt. Damit die Einbindung aller Menschen mit Migrationshintergrund in diese beiderseitige Verantwortung gelingen kann, sollten nach dem Prinzip des „Förderns & Forderns“ auch Mitwirkungspflichten formuliert werden. Der Mehrheit mangelt es nicht an Integrationswillen. Stellenweise bedarf es jedoch verpflichtender, konkreter Regelungen. Auf Verletzungen der Schulpflicht könnte beispielsweise mit einer stärkeren Einbindung besonders von Eltern aus bildungsfernen Schichten in den Schulbetrieb reagiert werden. Durch den Abschluss von Zielvereinbarungen zwischen ihnen, den Schülern und der Schule könnte ihre Mitarbeit verbindlich geregelt werden. Genauso ist es bei der wiederholten Ablehnung von Qualifizierungs- und Arbeitsangeboten vorstellbar, die Nicht-Teilnahme an Fördermaßnahmen (zum Beispiel Sprachförderung, berufliche Qualifizierung) stärker zu sanktionieren.

Ich bin überzeugt, dass Angebote und Unterstützungsleistungen ergänzt durch Mitwirkungspflichten die Chance bieten, Integration als ein gemeinsam anzustrebendes und zu erreichendes Ziel zu implementieren.

 

Ausbau der Verkehrsinfrastruktur: Die IHK Potsdam erhofft sich einen positiven Effekt, wenn der Regionalbahnverkehr mit dem Umland weiter ausgebaut wird. Wie könnte Spandau davon profitieren?

Thomas Ebelt: Das Konzept der IHK Potsdam zur Optimierung des bestehenden Netzes sieht eine Umorganisation mit einer Drehscheibe in Golm vor. Damit bekommt Spandau mehr Verbindungen in Richtung Potsdam. Vor allem aber kommen echte Halbstundentaktakte, z.B. auf der Linie RE1. Im Berliner Verkehrsentwicklungsplan ist inzwischen die Verlängerung der S-Bahn vom Bahnhof Spandau über die Nauener Straße bis zur Hackbuschstraße vorgesehen. Das vergrößert zwar den S-Bahn-Einzugsbereich in Spandau. Sinnvoll wäre es aber natürlich, die Strecke gleich bis Falkensee zu bauen.

 

Schifffahrt in Spandau

Schifffahrt in Spandau

Ausbau der Verkehrsinfrastruktur: Der Abriss der Freybrücke an der Heerstraße ist ein Baustein im „Verkehrsprojektes Deutsche Einheit 17“. Sind die alten Prognosen in der Entwicklung der Wasserstraßen nicht schon längst überholt?

Karsten Schulze: Die Freybrücke muss dringend erneuert werden. Eine Sanierung würde auch nicht weniger kosten als der Neubau. Als Teil des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nr. 17 kann sie so gleich um einen halben Meter angehoben werden, damit die nötige Durchfahrtshöhe für zweilagigen Containerverkehr erreicht wird. Nachdem bereits die Ludwig-Hoffmann-Brücke und die Mörschbrücke angepasst wurden, fehlt dann nur noch die Rohrdammbrücke. Ziel ist, dass Schiffe mit zweilagigen Containern von der Elbe bis in den Westhafen fahren können, denn erst dann ist es wirtschaftlich, vom Lkw auf das Binnenschiff zu verlagern. Das wird künftig die Umwelt schonen, die Straßen freier machen und bedeutet ein Plus für Berlin.


Arbeitsplätze entwickeln sich verstärkt in den Bereichen Leiharbeit, Zeitarbeit, Teilzeit, Minijob und dem Niedriglohnsektor. Viele können heute von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Schadet eine solche Entwicklung nicht langfristig?

Karsten Schulze: Arbeitnehmer, die von ihrer Arbeit allein nicht leben können, zeichnen sich oft gleich durch mehrere Faktoren aus. Sie arbeiten Teilzeit oder in einem Minijob, haben eine geringe Schul- und berufliche Bildung oder sind Alleinerziehend. Deswegen sollten wir nicht den Fehler machen, Ihre Leistungen nicht anzuerkennen. Vielmehr muss es das Ziel sein, ihre Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen zu verringern. Ein Schlüssel dazu ist eine gute Ausbildung. Für viele Mini- und Teilzeitjobber gilt aber auch, dass sie gerne Vollzeit arbeiten würden. Entweder können sie es jedoch nicht, weil Betreuungsangebote für ihre Kinder fehlen oder es lohnt sich nicht, weil ihnen nach Steuern und Abgaben kaum mehr Nettogehalt bleibt. So beschränken sie sich freiwillig auf abgabenfreie Minijobs. Hier gehen Potenziale verloren, auf die die Wirtschaft dringend angewiesen ist. Wir brauchen bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten, die Anreize zur Aufnahme einer Vollzeitbeschäftigung bieten und es jedem ermöglichen, aus eigener Kraft den Weg aus der Abhängigkeit von Transferleistungen zu schaffen.

Bis die Schornsteine rauchen müssen einige Bedingungen erfüllt sein ...

Bis die Schornsteine rauchen müssen einige Bedingungen erfüllt sein ...

In der Tat steigt die Zahl der Zeitarbeiter seit Beginn des Aufschwungs wieder stark an, nachdem sie im Zuge der Wirtschafts-und Finanzkrise stark eingebrochen war. Und auch insgesamt können wir für Berlin erfreuliche Zuwächse bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung – zu der auch die Zeitarbeit zählt – verzeichnen. Seit Januar 2008 ist die Zahl der SV-Beschäftigten in Berlin um 8,0 Prozent gestiegen, in Deutschland im gleichen Zeitraum nur um 4,6 Prozent. Und auch in diesem Jahr sind die Berliner Unternehmen bundesweit in der Spitzengruppe beim Beschäftigungsaufbau. In der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage gaben mit 38 Prozent so viel Unternehmen wie noch nie zuvor an, neue Mitarbeiter einstellen zu wollen.

Dass die Zeitarbeit derartig stark zulegt, ist ein Zeichen dafür, dass die Unternehmen ihre Personalplanung an die derzeit bestehenden Wachstumsrisiken anpassen. Die Schuldenkrise einiger Euro-Länder, gestiegene Energiepreise und die unsichere Entwicklung z. B. der US-Wirtschaft erfordern flexible Beschäftigungspläne, die mit der Zeitarbeit ideal bedient werden können. Zudem können Personaldienstleister sehr hilfreich bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften sein, die immer schwerer zu finden sind. Das Bild vom Zeitarbeiter als einfachem Hilfsarbeiter ist veraltet. Viele mittelständische Zeitarbeitsfirmen haben sich auf gut ausgebildete Fachkräfte spezialisiert, die händeringend gesucht werden. Der überproportionale Anstieg der Zeitarbeit ist aber durchaus auch ein Indiz dafür, dass die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland dringend reformiert werden müssen, damit die erforderliche Flexibilität der Unternehmen auch bei der Schaffung von „normalen“ Beschäftigungsverhältnissen, ohne Nutzung von Zeitarbeit sichergestellt werden kann.

 

Über welche Standortqualitäten verfügt Spandau und in welchen Bereichen muss nachgearbeitet werden?

Thomas Ebelt: Der Bezirk liegt zwar am Stadtrand, aber trotzdem verkehrsgünstig. Über die vierspurige B5 ist er gut an den Berliner Ring und damit ans Bundesautobahnnetz angebunden. Nach dem Berliner Hauptbahnhof ist der Bahnhof Spandau mit seinen ICE-Verbindungen der zweitwichtigste in der Region und durch seine Lage an Havel und Spree lassen sich Transporte bequem über den Wasserweg durchführen. Raum für Investoren ist grundsätzlich vorhanden, allerdings muss das Angebot besser an die Nachfrage angepasst werden. Qualifizierte Arbeitskräfte sind durch die Nähe der Hochschulen und Universitäten leichter als in vielen anderen Regionen zu finden. Die grüne Umgebung und noch bezahlbarer Wohnraum sind ein Anreiz für potentielle Arbeitnehmer. Dagegen fehlt bis heute ein Einzelhandelskonzept zur Orientierung der Investoren im Einzelhandel und im konsumnahen Dienstleistungsbereich. Zu hoch sind zudem die Gewerbemieten in der Spandauer Altstadt – hier muss in Gesprächen mit den Vermietern weiter versucht werden, eine für Einzelhändler wirtschaftliche Lösung zu finden, damit der Branchenmix optimiert, Leerstand vermieden und die Attraktivität dieses Standorts im Interesse aller Beteiligten verbessert wird.

zum Teil 1 des Artikels über die IHK

 

Ralf Salecker


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