In Reuter West wird Strom und Wärme für Spandau produziert.

Die Kohle stammt aus Polen

In der Turbinenhalle des Kraftwerkes Reuter West geht es geschäftig zu. Eine Turbinenanlage ist komplett zerlegt. Alle Einzelteile werden, unter anderem mittels Ultraschalluntersuchung, auf Risse und andere Verschleissschäden untersucht. Mit Stefan Bach, Betriebsingenieur und zuständig für die Rauchgasreinigungsanlagen, und Hannes Stefan Hönemann, Pressesprecher bei Vattenfall, drehe ich meine Runde durch die Halle. Beeindruckt bleiben wir vor der jetzt freiliegenden Mitteldruck Turbine stehen. Mit 3.000 Umdrehungen in der Minute sind die Turbinen normalerweise in ihrem grünen Gehäuse verborgen. Auf der gegenüberliegenden Seite ist dies gut zu sehen. Nun im Sommer bleibt Zeit, um die Anlage zur Generalüberholung abzuschalten.

Denn der Energie- und Wärmebedarf Berlins ist jetzt viel geringer als in den Wintermonaten.

Die frei liegende Mitteldruck Turbine

Die frei liegende Mitteldruck Turbine

In der Halle ist es warm, jedoch wider Erwarten nicht unmäßig laut. Die Arbeiter tragen Helme und Schutzbrillen. Auch ich muss die Schutzkleidung bei unserem Rundgang durch das Werk aufsetzen. Eine Maßnahme die erst seit Februar in Kraft ist. An der Pförtnerloge im Spreering weist ein Plakat auf die Gefahren der Arbeit ohne Schutzbrille hin. Man habe aus Unfällen gelernt, heißt es dort. Neben der Tür steht eine Digitalanzeige. Seit 130 Tagen ist der Betrieb unfallfrei. Wobei zu Betriebsunfällen, laut Pressesprecher, natürlich auch die weniger dramatischen Verletzungen, wie umgeknickte Füße, zu zählen sind.

Vattenfall

Der Energiekonzern Vattenfall nutzt Kohle an insgesamt 18 Standorten zur Strom- und Wärmeproduktion. Davon befinden sich elf in Deutschland, drei in Dänemark, zwei in Polen und zwei in den Niederlanden. Kohle ist der weltweit häufigste Energieträger für die Stromproduktion. Die im Kraftwerk Reuter West genutzte Steinkohle macht  im deutschen Energiemix etwa 21 Prozent aus.

Stefan Bach

Stefan Bach ist seit 25 Jahren im Unternehmen, seit dem Jahr 2000 in Reuter West. Zu seinen Aufgaben zählt es unter anderem, Kaufleuten die Funktionsweise der Kraftwerke näher zu bringen. „Es ist wichtig, dass auch Mitarbeiter, die nicht in den Kraftwerken arbeiten, wenigstens die Funktionsweise kennenlernen“, erklärt Bach. So können sich die Mitarbeiter von Vattenfall bei Diskussionen mit Fachwissen beteiligen. Mit der gleichen Präsentation versucht er nun auch mir das Kraftwerk zu erklären.

Stefan Bach mit obligatorischem Helm und Schutzbrille

Stefan Bach mit obligatorischem Helm und Schutzbrille

Ausgestattet mit einem gelben Pappfinger, erläutert er anhand der Grafiken das Kraftwerk. „Die Steinkohle für die Verbrennung stammt überwiegend aus Polen“, so der 45-Jährige. Da das Kraftwerk ursprünglich auf deutsche Kohle ausgelegt gewesen sei, müsse man nun Kohle mit ähnlichen Eigenschaften importieren. Diese wird in Polen aufgekauft und mit Schiffen oder per Bahn zum Kraftwerk befördert. Nachdem die Kohle, wie ich in der Präsentation erfahre, gemahlen und verfeuert wurde, wird es interessant, wir betreten Stefan Bachs Spezialgebiet, die Rauchgasreinigung. Im ersten Schritt werden in der Entstickungsanlage durch Eindüsen von Ammoniak die angefallenen Stickoxide in Stickstoff und Wasserstoff zerlegt. Aus dem Rauchgas entstehen natürliche Bestandteile der Luft. Der zweite Schritt trennt mittels Elektrofilter den Staub, also die Asche, aus dem Rauchgas. Diese wird von der Bauindustrie unter anderem zur Herstellung von Zement verwendet. „Hier in Reuter West stellen wir sogar zertifizierte Qualitätsasche her“, erzählt Bach stolz. Der letzte Schritt, bevor die gereinigten Rauchgase in den Himmel entschweben, ist die Rauchgasentschwefelung. Durch Eindüsen einer Waschflüssigkeit aus Kalk und Wasser wird Gips gewonnen. Das Kalksteinmehl verbindet sich mit dem Schwefeldioxid und bietet so die Grundlage für Gipskartonplatten. So gereinigt enthält das Rauchgas im Jahresdurchschnitt nur noch 200 mg/m³ Schwefeldioxid und verhindert sauren Regen, der das Land rund um die Kraftwerke in den 60er und 70er Jahren in Atem hielt.

Kraftwärmekopplung

Eine weitere Besonderheit im Kraftwerk ist die Kraftwärmekopplung. „Schon bei der Planung des Kraftwerkes war es vorgesehen, die Abwärme zu nutzen“, erklärt Pressesprecher Hönemann. Mit 1.500 Kilometern Fernwärmenetz, sei das Rohrsystem in Berlin das größte in Westeuropa. „Nur Moskau ist noch größer“, ist er sicher. Durch den Bau eines Tunnels unter der Havel im Jahre 2009 konnten nun auch die Altstadt und Wilhelmstadt in Spandau mit Fernwärme versorgt werden. Die Energienutzung des Kraftwerkes kann mit ihrer Hilfe von 38 auf 80 Prozent gesteigert werden. „Außerdem wird durch die Fernwärme CO2 gespart“, erklärt der Betriebsingenieur. Das Kraftwerk reinige die Abgase, die ansonsten von der, zum Beispiel mit Öl betriebenen, Anlage im Haus produziert würden.

Das Büro des Familienvaters Stefan Bach ist mit vielen Fotos seiner Tochter in verschiedenen Altersstufen geschmückt. Außerdem sehe ich an der Pinnwand eine Schnur und eine Liste mit verschiedenen Knoten. Wozu er die denn im Büro bräuchte, will ich wissen. „Zum Segeln“, antwortet Bach. Außerdem besitze das Kraftwerk auch ein eigenes Boot, man ist ja direkt an der Spree. „Manchmal machen wir  Übungen, zum Beispiel zum eindämmen eines Ölteppichs“, erzählt er.

Bei unserem späteren Rundgang kommen wir im Kontrollraum vorbei. Dort werden Werte wie Wärmeentwicklung oder Stromerzeugung überwacht und wenn nötig in den voll automatisierten Betrieb eingegriffen. „Wir regeln hier auch die Differenzen aus der Windenergie aus“, erklärt Bach. Je nachdem wie viel oder wenig Windenergie erzeugt wird, kann hier mehr oder weniger Kohle verfeuert werden. Im Kontrollraum

Schema des Heizkraftwerkes Reuter West

Schema des Heizkraftwerkes Reuter West

sieht man, dass die eine Turbine zur Zeit nicht am Netz ist, nur zwei ausgebildete Kraftwerker sitzen heute vor den Monitoren. Die Arbeit verlangt volle Aufmerksamkeit und ist deshalb sehr anstrengend. „Die Belastung der Mitarbeiter wechselt ständig“, betont Bach,“wer heute am Monitor sitzt, macht vielleicht morgen einen Rundgang durchs Werk“. Insgesamt arbeiten in den Werken Reuter und Reuter West  Frauen und Männer in den verschiedensten Bereichen, wie Betrieb, Instandhaltung und Verwaltung.

Alternative Brennstoffe

Das Kraftwerk Reuter, welches bei der Wiederaufnahme des Betriebes nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Bürgermeister Ernst Reuter benannt wurde, befasst sich auch mit dem Einsatz alternativer Brennstoffe. Seit Längerem experimentiert man mit Holz, das zu einem bestimmten Teil dem Kohlestaub als Brennstoff zugemischt werden soll. So werden seit Jahren Berliner Weihnachtsbäume hier verfeuert. Und auch der Dampf aus der Müllverbrennungsanlage Ruhleben wird nach Reuter gleitet und hier in elektrische Energie und Fernwärme umgewandelt. Denn, wie lange wir noch fossile Brennstoffe für unsere Energieerzeugung nutzen können, ist nicht klar. Sicher ist nur, sie sind endlich. Fragt man den Pressesprecher Hönemann nach dem Ende des Abbaus der Kohle in Polen, bekommt man eine wohlbekannte Antwort. „Das kann man jetzt noch nicht abschätzen.“ Denn in zehn Jahren habe man neue Möglichkeiten und die Förderung sei allein vom Stand der Technik abhängig.

Mit dem Atomausstieg bis 2022 hat die Bundesregierung sich nun neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien auch auf eine verstärkte Nutzung der Kohlekraft eingelassen. Zum Sparen von Strom, kann jeder Einzelne beitragen. So gibt Vattenfall auf seinen Internetseiten Tipps zum Stromsparen. Denn obwohl richtiges Heizen und Lüften und der sparsame Umgang mit elektronischen Geräten mittlerweile den meisten Stromnutzern bekannt sind, schlummern immer noch große Potentiale in den Privaten Haushalten. Und, nicht nur die Umwelt wird durch den geringeren Energieverbrauch geschont, auch der Geldbeutel profitiert davon.

So verlasse ich das Kraftwerk Reuter West durch die Pförtnerloge. Besucherschein, Helm und Schutzbrille wieder abgeben, auf geht es durch die Schranke zurück auf den Spreering. Wer sich das Kraftwerk einmal näher anschauen möchte, sollte die Rundgänge nutzen. Die etwa dreistündigen Führungen sind, außer durch das Kraftwerk Reuter West, durch das Heizkraftwerk Mitte möglich.

Kirsten Stamer


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